{"id":1047,"date":"2022-03-05T21:22:28","date_gmt":"2022-03-05T20:22:28","guid":{"rendered":"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/?p=1047"},"modified":"2022-03-05T21:22:28","modified_gmt":"2022-03-05T20:22:28","slug":"jubilaeumsausgabe-1-jahr-lotte-rezensionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/?p=1047","title":{"rendered":"JUBIL\u00c4UMSAUSGABE: 1 Jahr Lotte- Rezensionen :)"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute haben wir die 27. Rezension f\u00fcr euch.<br>1 Jahr mit spannenden B\u00fcchern und Rezensionen liegen hinter uns. Wir hoffen, wir konnten euch Lust auf das ein oder andere Buch machen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Jubil\u00e4umsausgabe gibt es heute eine ausf\u00fchrlichere Rezension, viel Spass beim Lesen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nick Montgomery and carla bergman\u00a0<br><strong>Joyful Militancy. Building Thriving Resistance in Toxic Times <\/strong><br><br>AK Press \u2013 2017 \u2013 9-781849-352888\u00a0\u00a0<br><br>Weshalb scheinen oder sind radikale Bewegungen und Orte manchmal so voller Angst, Scham, Furcht, Selbstgerechtigkeit und Konkurrenzkampf? <br>Wie ist radikales Handeln m\u00f6glich, ohne in diese Muster zu verfallen?\u00a0Diese Fragen stellen sich und vielen anderen Montgomery und bergman. Sie nennen das Ph\u00e4nomen \u201erigid radicalism\u201c &#8211; vielleicht \u201estarrer Radikalismus\u201c. Erstarrte und toxisches Wege wie Menschen sich zu verhalten haben und Verhaltensnormen, die in soziale Bewegungen Einzug gehalten haben &#8211; wie der \u201ekorrekte\u201c Weg des Radikalseins aussieht.\u00a0In Gespr\u00e4chen mit Aktivist*innen und Intellektuellen aus vielen verschiedenen politischen Bewegungen (vor allem aus den Amerikas) versuchen die Autor*innen herauszufinden, wie sich der \u201erigid radicalism\u201c in die Bewegungen schleicht und wie Menschen ihn wieder loswerden k\u00f6nnen.\u00a0<br><br>So viel zum Klappentext.\u00a0<br>Interviewpartner*innen sind Silvia Federici, adrienne maree brown, Marina Sitrin, Gustavo Esteva, Leanne Betasamosake Simpson, Walidah Imarisha, Margaret Kolljoy, Glen Coulthard, Richard Day und weitere.\u00a0\u00a0Es ist wichtig, sie zu nennen. <br><br>Damit wird schon sichtbar, aus welchen Bereichen Wissen in dieses Buch fliesst. Und so stellt sich gleich die erste Frage:<br>Wie ist damit umzugehen, dass Wissen, das in grossen Teilen in Schwarzen, PoC und Native Gemeinschaften und Kollektiven erarbeitet wurde, von zwei weissen Autor*innen unter ihrem Namen in einem Buch ver\u00f6ffentlich wird? H\u00e4tte es andere M\u00f6glichkeiten gegeben, als dass sie mit ihrem Namen dieses Wissen teilen und damit privatisieren? Die Autor*innen nennen alle ihre Gespr\u00e4chspartner*innen beim Namen und arbeiten sehr transparent. Und doch ist es schwierig, wie diese Sammlung und Aneignung einzuordnen ist. W\u00e4re es eine M\u00f6glichkeit gewesen, alle Namen auf dem Cover zu nennen, so wie es bei anderen Sammelb\u00e4nden der Fall ist? Und damit zu verdeutlichen, woher die Inhalte stammen, die sich im Buch finden? Wie sonst w\u00e4re ein sensibler Umgang mit Wissen aus Schwarzen, PoC und Native Communities m\u00f6glich?\u00a0<br><br>Zu den Inhalten<br>Das Buch ist aufgeteilt in ein langes Vorwort von Hari Alluri, zwei weitere Einf\u00fchrungen der Autor*innen, 5 Kapitel, einem Outro und 3 Zus\u00e4tzen, von denen zwei ausf\u00fchrliche Interviews sind.Die Kapitel sind nach Inhalten sortiert:\u00a0<br><br>1. als Grundlage \u201eEmpire, Militanz und Joy\u201c<br>2. \u201eFreund*innenschaft, Freiheit, Ethik und Verbindung (Affinity)\u201c<br>3. \u201eVertrauen und Verantwortung als gemeinsame Grundgedanken (common notions)\u201c<br>4. \u201eStickige Luft, Burnout, Politische Performance\u201c<br>5. \u201eRigid Radicalism abbauen, Joy aktivieren\u201c\u00a0<br><br>Der Aufbau ist gut gelungen, zun\u00e4chst wird der Boden geschaffen. Die zugrundeliegende Definition von \u201eJoy\u201c wird sehr gut erkl\u00e4rt. Joy ist demnach nicht einfach mit \u201eFreude\u201c oder \u201eSpass\u201c zu \u00fcbersetzen. Joy setzt nach Spinoza viel tiefer an. Es entsteht durch die\u00a0Ent-deckung der eigenen Kapazit\u00e4ten und ist als\u00a0Prozess der transformativ, gef\u00e4hrlich, schmerzhaft und m\u00e4chtig aber auch leicht verg\u00e4nglich ist zu verstehen. Durch Joy werden Menschen empowert und lebendiger, ihre eigenen Kapazit\u00e4ten werden gest\u00e4rkt. Joy zu leben funktioniert jedoch nicht als abgetrenntes Individuum sondern nur indem Menschen sich in enge Beziehungen zu anderen Menschen und zur Welt begeben, Gef\u00fchle und gemeinsame Kraft n\u00e4hren. W\u00e4hrend \u201eFreude\u201c oder \u201eSpass\u201c als An\u00e4sthetikum fungieren, vermag Joy das Gegenteil zu bewirken. Joy kann entstehen, wenn sich eine Gruppe von Menschen gemeinsam Dinge aneignet und jede Person sp\u00fcrt wie ihre Kapazit\u00e4ten und die ihrer Mitmenschen wachsen.\u00a0Es w\u00e4chst, wenn wir uns mit Situationen auseinandersetzen und unser Handeln damit \u00fcbereinstimmt was in diesem Moment n\u00f6tig und sinnvoll ist. Joy lebt aus situativen Entscheidungen und Handlungen und wird verhindert sobald es starre Vorgaben gibt, was \u201erichtig\u201c und was \u201efalsch\u201c ist.\u00a0\u00a0\u00a0<br><br>Auf dieser Grundlage baut das Buch auf.\u00a0Und in Verbindung mit Militanz? Militanz wird als Wille zum K\u00e4mpfen verstanden. Dies schliesst pers\u00f6nliche innere K\u00e4mpfe und Auseinandersetzungen innerhalb der Community ebenso ein wie der Kampf gegen Unterdr\u00fcckung und das Empire.\u00a0<br>Joyful Militancy soll K\u00e4mpfe UND Care beleben, Streitlust UND Z\u00e4rtlichkeit. Die Dichotomien, die uns \u201eEmpire\u201c gelehrt hat, dass die Welt im Schwarz-Weiss Modus zu betrachten ist, sollen verlernt werden. Graustufen sollen zugelassen und erlernt werden. \u201eNegative\u201c und \u201epositive\u201c Erfahrungen und Gef\u00fchle k\u00f6nnen und d\u00fcrfen nebeneinander Platz haben.Dabei ist es wichtig, dass das Konzept von Militanz als \u201eempowernd\u201c und belebend k\u00e4mpferisch verstanden wird. Es sollen keine Selbstaufgabe oder Handlungen stattfinden, die gegen die eigenen Bed\u00fcrfnisse, Potentiale und W\u00fcnsche gehen. <br>Es ist kein ideologisches Einmaleins oder eine Idee von einer erleuchteten Vorhut (weisser) M\u00e4nner, die im Gegensatz zu allen anderen Menschen klar sehen. Es kommt aus jedem einzelnen Kampf von Menschen, die sich \u201eEmpire\u201c nicht beugen wollen.\u00a0Menschen die k\u00e4mpfen und widerst\u00e4ndig sind und dabei in engem Kontakt mit ihren eigenen F\u00e4higkeiten stehen. So zum Beispiel Indigene, die sich konstant weigern, ihre Lebensweise \u201eEmpire\u201c anzupassen.\u00a0\u00a0<br><br>\u201eEmpire ist der Name f\u00fcr die organisierte Kathastrophe, in der wir heute leben.\u201c Empire wird im Buch das genannt, was gemeinhin als Staat, Machtstrukturen oder System bezeichnet wird. Dieses Empire durchdringt jedoch unser gesamtes Leben, so auch die Beziehungsformen von Menschen untereinander. Empire eignet sich unsere Beziehungen an und definiert sie nach kapitalistisch- patriarchalen- rassistischen Strukturen um. Unsere Aufgabe ist es, sie sich wieder anzueignen und selbst zu definieren.\u00a0<br><br>Durch das neue Definieren und Leben solcher Beziehungen im Hier und Jetzt wird ein Gegenstandpunkt zu Empire erschaffen. Es wird die Revolution in der fernen Zukunft nicht geben. Die Revolution findet in diesen ver\u00e4nderten Handlungen, Formen von Beziehungen und Bezugnahme im Hier und Jetzt statt.<br>Auf welche Weise k\u00f6nnen Beziehungen gest\u00e4rkt werden? Wenn eine Starrheit Einzug gehalten hat, wie kann dies ver\u00e4ndert werden? Wie ist es m\u00f6glich mit Unsicherheiten umzugehen? Wie kann \u201ejoyful\u201c experimentiert werden?\u00a0\u00a0<br><br>Anhand vieler Beispiele und Zitate widmen sich die Autor*innen diesen und vielen weiteren Fragen. Das Buch l\u00e4dt sehr oft zum Nachdenken ein. Zum Abgleich mit eigenen Erfahrungen. Erlebe ich die radikalen R\u00e4ume, in denen ich mich bewege, auch als starr oder sind sie empowernd? Erlebe ich sie als safer spaces f\u00fcr mich, sind sie aber das Gegenteil f\u00fcr andere? Wie einladend und offen sind sie? Wem vertrauen wir? Weshalb?\u00a0<br><br>Weitere Inhalte sind (weisse) Anspruchshaltung, Privilegien, response- ability- die F\u00e4higkeit wirklich auf eine andere Person zu re- agieren, Care f\u00fcr sich selbst und andere auch in Zeiten von Schmerz, Gewalt und Verletzungen, call out culture- wie mit Kritik umgehen, Vertrauen und viele mehr.\u00a0\u00a0<br><br>Das Buch ist keine Anleitung, wie Orte und Beziehungen joyful gemacht werden k\u00f6nnen. Es ist nicht abgeschlossen und hat auch nicht den Anspruch darauf. Es ist eher eine Werkzeugkiste gepaart mit einem Geschichtenbuch der Erfahrungen. Es gibt den Lesenden Werkzeuge an die Hand, wie bestimmte Muster erkannt werden k\u00f6nnen, was in bestimmten Situationen Abhilfe geschaffen hat und wie Dinge, Situationen und Beziehungen auch (anders) betrachtet werden k\u00f6nnen.\u201eI&#8217;ve made it a principle not to induldge in speech that is destructive. The notion of stressing potential rather then limits.\u201c<br><br>Und immer wieder betonen die Autor*innen wie wichtig es ist, \u201ejoyful militancy\u201c nicht zu einem starren Konzept zu machen oder das Buch als Anleitung \u201ehow to &#8230;\u201c zu sehen. Das h\u00e4tte genau den gegenteiligen Effekt und \u201emilitancy\u201c st\u00fcnde ganz bald wieder ohne \u201ejoyful\u201c da. Was joyful ist ist fluide. Und so sind es auch Beziehungen. Das macht ein regelm\u00e4ssiges \u201ecall in\u201c n\u00f6tig. Ein regelm\u00e4ssiges hinhorchen, f\u00fchlen. Ist es OK so wie es jetzt ist? W\u00fcnsche ich mir etwas anders? Das ist anstrengend. Aber auch sehr befreiend!\u00a0<br><br>\u201eJoyful militancy\u201c ist absolut lesenswert, empowernd und dazu geeignet, immer wieder gelesen zu werden. Nur wenn bestimmte Handlungsmuster durchbrochen werden, k\u00f6nnen wir unsere Beziehungen und unser Sein joyful gestalten. In diesem Sinne ein absolutes \u201emust read\u201c!\u00a0<br><br>Das Buch ist nur auf Englisch verf\u00fcgbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1049\" srcset=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-300x300.jpeg 300w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-150x150.jpeg 150w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-768x769.jpeg 768w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2-100x100.jpeg 100w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/JoyfulMilitancy2.jpeg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute haben wir die 27. 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