{"id":1158,"date":"2022-05-15T15:33:24","date_gmt":"2022-05-15T13:33:24","guid":{"rendered":"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/?p=1158"},"modified":"2022-05-15T15:33:24","modified_gmt":"2022-05-15T13:33:24","slug":"rezension-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/?p=1158","title":{"rendered":"Rezension # 32"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"779\" height=\"779\" src=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1161\" srcset=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1.jpeg 779w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1-300x300.jpeg 300w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1-150x150.jpeg 150w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1-768x768.jpeg 768w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Front-1-100x100.jpeg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Peter Linebaugh &amp; Marcus Rediker &#8211; Die vielk\u00f6pfige Hydra \u2013 Die verborgene Geschichte des revolution\u00e4ren Atlantiks<\/strong><br>Sachbuch &#8211; Assoziation A &#8211; 2000, 2. Auflage 2022 \u2013 ISBN 978-3-935936-65-1<br><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Werk l\u00e4sst eine:n erst einmal sprachlos zur\u00fcck, wenn die letzten Seiten umgeschlagen und die Danksagungen von Linebaugh und Rediker zu Ende sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden widmen sich auf diesen dichten, fast 400 Seiten der Geschichte der atlantischen Kolonisation und mehr noch den Widerst\u00e4nden dagegen. Im Mittelpunkt steht das britische Empire, von dem ausgehend die Kolonisation und der Aufstieg des fr\u00fchen Kapitalismus forciert wurde. Dieses Buch behandelt in diesem zeitlichen Rahmen (fr\u00fches 17. Jh. bis zum beginnenden 19. Jh.) aber vor allem die Geschichte(n) der Enteigneten Europas, Afrikas und der Amerikas, der verschleppten, afrikanischen, versklavten Menschen, des st\u00e4dtischen, europ\u00e4ischen Proletariats, sowie der Natives in den Amerikas.<\/p>\n\n\n\n<p>Von ihnen ging eine revoltierende Kraft gegen die \u00fcberbordende Gewalt aus, die in der Standardgeschichtsschreibung nur am Rande Erw\u00e4hnung findet. Dieses Werk zeigt die kooperativen Formen der Widerst\u00e4ndigkeiten auf, bei der Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht keine bestimmende Rolle spielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist gut strukturiert, beginnend mit einem Schiffbruch im Jahre 1609, der bezeichnend war f\u00fcr die Kraft des Widerstands. Des Weiteren wird der historische Rahmen bestimmt. Die Begrifflichkeiten der Holzhauers und Wassertr\u00e4gers werden in Kontext gesetzt, ebenso wie der politische Hintergrund der Einhegungen in Britannien.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Kapitel ist in verst\u00e4ndliche Unterkapitel eingeteilt, die hin und wieder eine Reise rund um den Atlantik machen und sich eines bestimmten Themas von den unterschiedlichen (r\u00e4umlichen) Perspektiven ann\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese grossartige Recherchearbeit verdient ein riesiges Lob. Es ist unglaublich, was Linebaugh und Rediker alles zitieren, erz\u00e4hlen und wiedergeben. Es sind kleine und grosse Aktionen, K\u00e4mpfe und Widerst\u00e4nde. Es ist eine Geschichtsschreibung, die nur selten Geh\u00f6r findet und doch eine grosse Kraft entwickelt, je mehr mensch in sie eintaucht. Ja, es gab immer schon Menschen, die die Herrschaftsstrukturen nicht einfach hingenommen und sich ihnen widersetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun stecke ich in einer Zwickm\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich ist das Buch grossartig. Es ist die Gegengeschichte zu Pirates of the Carribean oder Winnetou. Es sind all die gesammelten Geschichten, die es nicht in die Standardgeschichtsschreibung geschafft haben. Und die es unbedingt verdient haben, geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem bleibt da dieser Zweifel. Was mich inhaltlich zu grossen Teilen \u00fcberzeugt, \u00e4rgert mich sprachlich. Zwei Dinge, die sich durch das Buch ziehen:<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Einen das generische Maskulin, das selbst dann Anwendung findet, wenn es z.B. im zweiten Satzteil heisst, dass die \u201eWassertr\u00e4ger\u201c fast ausschliesslich Frauen waren. Aber nicht nur da. Sehr selten werden nicht nur die m\u00e4nnlichen Bezeichnungen f\u00fcr Menschen verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier w\u00fcrde es mich interessieren, weshalb die deutsche \u00dcbersetzung des englischsprachigen Originaltextes so gew\u00e4hlt wurde. Im Englischen sind die Begrifflichkeiten nicht gegendert und daher offen. Weshalb wurde dies bei der \u00dcbersetzung nicht beibehalten?<\/p>\n\n\n\n<p>In einem langen Kapitel \u00fcber Pirat:innen werden Piratinnen in nur 2 Abs\u00e4tzen erw\u00e4hnt. Alles andere waren ausschliesslich M\u00e4nner?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Anderen das N- Wort. Mir ist bewusst, dass es sich um eine historische Betrachtung handelt und hier oft alte Texte zitiert wurden. Es bleibt aber Menschen, die B\u00fccher schreiben, trotzdem \u00fcberlassen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und z.B. zu entscheiden, das N- Wort nicht auszuschreiben, auch wenn es ein Zitat ist. Noch viel schlimmer, und dies ist leider sehr h\u00e4ufig der Fall in diesem Buch, ist es, wenn das N- Wort und andere W\u00f6rter, die keine Anwendung mehr finden sollten, in Anf\u00fchrungszeichen gebraucht werden, auch wenn es keine Zitate sind. Auch vor 22 Jahren, als das Buch ver\u00f6ffentlicht wurde, war es schon Konsens, das N- Wort nicht mehr zu verwenden. Wie kommen zwei (von mir als <em>weiss <\/em>gelesene)US- amerikanische Personen auf die Idee, es in Anf\u00fchrungszeichen weiter zu benutzen? Vor allem, wenn sie selbst Texte aus den 1760ern Jahren zitieren, in denen schon das Wort \u201eSchwarze\u201c verwendet wurde. Also gab es schon vor mehreren Hundert Jahren Menschen, die sich der Relevanz von Sprache und Bezeichnungen bewusst waren. Es gibt also meiner Ansicht nach keine Argumentation daf\u00fcr, weiterhin eine Sprache zu verwenden, die diskriminierend und menschenfeindlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt, der mir schwer aufgestossen ist, ist die Bezeichnung der Haitianischen Revolution als \u201eArbeiterrevolution\u201c. Linebaugh und Rediker zeigen immer wieder auf, dass in der Vergangenheit Geschichte unsichtbar gemacht wurde. Auch wenn sie sp\u00e4ter die Revolution als Kraft von Black Power darstellen, tappen sie mit der Bezeichnung der Haitianischen Revolution als \u201eArbeiterrevolution\u201c genau in dieselbe Falle. War Haiti nicht in erster Linie ein Befreiungskampf von (Schwarzen) versklavten Menschen? Diese Fremdbezeichnung ist in meinen Augen nicht nachvollziehbar und \u00e4rgert mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun?<br>Meiner Ansicht nach ist mit diesem Buch ein grossartiges Fundament gelegt worden. Etwas pathetisch formuliert ist es vielleicht ein ungeschliffener Diamant, der noch ein bisschen der Arbeit bedarf, bis die wahre Gr\u00f6sse zum Vorschein kommt. Es ist vieles vorhanden, was dieses Werk zu einem ausserordentlichen Geschenk macht, aber eben auch zu einem ausserordentlichen \u00c4rgernis. Dies liesse sich mit einer \u00dcberarbeitung \u00e4ndern. F\u00fcr die 2. Auflage 2022 w\u00e4re genau dies m\u00f6glich gewesen, leider wurde die Chance nicht ergriffen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass das Buch sprachlich angepasst wird und somit eine Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber den Nachfahr:innen all der Menschen, die in diesem Buch Erw\u00e4hnung finden, darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Herzlichen Dank an Assoziation A f\u00fcr das Rezensionsexemplar. Ihr macht tolle und wichtige Arbeit, danke auch daf\u00fcr!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"777\" height=\"777\" src=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1162\" srcset=\"https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1.jpeg 777w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1-300x300.jpeg 300w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1-150x150.jpeg 150w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1-768x768.jpeg 768w, https:\/\/lotte-bibliothek.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Linebaugh-Rediker-Vielkoepfige-Hydra-Back-1-100x100.jpeg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Linebaugh &amp; Marcus Rediker &#8211; Die vielk\u00f6pfige Hydra \u2013 Die verborgene Geschichte des revolution\u00e4ren AtlantiksSachbuch &#8211; Assoziation A &#8211; 2000, 2. 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