Rezensionen

Hey Welt, was geht?

Sind ja schon merkwürdige Zeiten gerade. Abstand halten hier und Maske tragen da; sich real treffen, nein eher nicht und wenn dann, wo überhaupt? Die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Gepflogenheiten werden neu gemischt und kein Ende in Sicht. Das aktiv gelebte Desinteresse an den weltweiten Zusammenhängen hat es in unserer Wohlstandsgesellschaft zur Zeit nicht leicht, jetzt sind wir hier selbst betroffen und müssen uns einschränken, das geht ja gar nicht. Viel Spielraum für Verschwörungsmythen. Das Wort Solidarität scheint zwar wieder mehr Bedeutung in der breiten Bevölkerung bekommen zu haben, wobei ihre direkten Gegenspieler ihr versuchen den Platz streitig zu machen – der Egoismus und die Ignoranz. Pathos mag dem Populismus nichts entgegenzuhalten, dies ist jedoch auch kein politisches Manifest oder eine wissenschaftliche Abhandlung, nein, dies ist schlicht eine Ankündigung.
Raus aus der Bubble, rein in den selbstkritischen Blick über den eigenen Tellerrand und hin zu einem gemeinsamen Miteinandner. Kritische Betrachtung, differenzierte Perspektiven und progressive Utopien, nicht zuletzt dafür steht die kämpferische Bibliothek Lotte mit ihren Ideen und Plänen.
Wann, wenn nicht jetzt, ist die beste Zeit, sich wieder mehr dem geschriebenen Wort zu widmen? Doch welches Thema drängt am ehesten, welches Buch bringt einen Themenkomplex am besten auf den Punkt, welche Lyrik schafft es mich aus der Tristesse zu holen, welche Poesie stichelt meine Ideen an oder welche Biographie erschüttert mich und gibt meinem kämpferischen Willen neuen Schub? Schwierig sich in dem Potpourri an Lektüren zurecht zu finden. Doch wir wären nicht die Lotte, wenn wir da nicht Abhilfe schaffen könnten. DIE REZENSION.  Keine Neuerfindung, aber ein probates Mittel, um seinen ausgewählten Lesestoff in die gewünschten Bahnen zu lenken. 
Wir werden ab sofort in regelmässigen Abständen auf dem Backbord Mailverteiler und auf unserer Homepage ein von uns erkorenes Buch rezensieren und versuchen, Dein Interesse zu wecken. Also los gehts, unsere neue Rubrik:

DIE REZENSION.

Rezension Nr. 5

MAX CZOLLEK – Desintegriert euch!
btb – ISBN: 978-3-446-26027-6 978


Die Streitschrift richtet sich gegen die allseits der Gesellschaft geforderte Integration in die Mehrheitsgesellschaft und zwar all jener Menschen die bewußt aus dieser Dominanzkultur ausgeschlossen werden. Die*der Autor*in fokussiert dabei auf die Erfahrungen und Anforderungen die an jüdische Menschen gestellt werden. Sei ein „guter deutscher Jude“ und gib immer brav Auskunft über den Holocaust und sei dankbar wieder ein jüdisches Leben in Deutschland führen zu dürfen. Aber mache sicher keine Witze über den Holocaust und habe keine Rachegelüste, sondern füge dich demütig ein an das deutsche Gedächtnis- und Integrationstheater um die eitle deutsche Volksseele zu umarmen. Mit viel Sarkasmus, Wut und Witz bringt Max Czolllek die Integrationsanforderungen auf den Punkt entlarvt diese in ihrer Eindimensionalität als Wundsalbe des deutschen Nationalismus. Max Czollek wirft so dem ewigen Integrationsgedöns den Fehdehandschuh in die scheinheilige Fratze. Absolut lesenswert!

Rezension Nr. 4


Kaśka Bryla – Roter Affe
Residenz Verlag, ISBN: 978-3-7017-1732-3

Was für ein fulminantes Romandebüt. Ich habe wirklich seit langem nicht mehr so schnell ein Buch gelesen. Wer auf Spannung, Action und Atemlosigkeit steht hat mit diesem Buch einen guten Griff gemacht. Ist das sonst nicht das Genre was mich anspricht weil es sich oft eindimensional und stereotyp von den Figuren wie Handlungen her liest hat die* Autor*in hier sehr fein seziert und zusammengesetzt.  Die Story berührt diverse Facetten, so divers wie das Leben ist – von Freund*innenschaft, Pathologisierung, sexualisierter Gewalt, Migration, Macht und einiges mehr ist vieles im inhaltlichen Fokus ohne dass die Story überladen wirkt. Ebenso ist es mit den Protagonist*innen, welche alle sehr vielschichtig und nicht widerspruchsfrei sind. Dabei bedient die* Autor*in keine Klischees, sondern schreibt sehr reflektiert und mit kritischem Anspruch. Die Schauplätze führen uns über Vororte Wiens, Autobahnrastätten und polnischer Provinz zu Abgründen menschlichen Daseins und tiefer traumatischer Erfahrungen und Selbstaufgabe, aber auch zu Selbstermächtigung, Zusammenhalt und Solidarität. Spannend, spannend, spannend!

Rezension Nr. 3

Jennifer C. Nash – black feminism reimagined . after intersectionality
Duke University Press – ISBN: 978-1-4780-0059-4

Intersectionality, the concept of the intersection between race, gender and class has its origin in black feminism, and is by now not only a widely accepted term for diversity discourse far beyond black feminism, but became like a hurdle to pass to count as a „good“ feminism. Jennifer Nash (black feminist and Associate Professor of African American/ Gender/ Sexuality Studies at Northwestern University) shows in her book that despite the promising rise of this concept – to look out for the pitfalls of its dominance: how „intersectionality“, instead of opening a field to an enriching discourse on the complexity of reality for black women – became like a disciplining tool for black feminists to correct other feminisms or corporate diversity programs about the concepts use, origin/“property“, integration – an attitude that traps black feminist analytics in a defensive position and hinders their academic and creative agency. Jennifer Nash encourages to surrender the rigid shackles of this concept and suggests an opening of the space to a more vulnerable embracing and letting in of the realities of each other.This book helped me deepen the understanding of the academic field of black feminism, black womens experience within academy in the US and various not so innocent appropriations of „intersectionality“. It touched me with a hunch of the potential of a more vulnerable encounter with black women and others within feminism and political circles.

Rezension Nr. 2

Jurga Vilè und Lina Itagaki – Sibiro Heiku . eine Graphic Novel aus Sibirien
Baobab Books, ISBN 978-3-907277-03-4
Litauen, dieses kleine Land an der Ostsee, in den 40er Jahren Spielball der grossen Mächte um sie herum. Viele Menschen wurden von dort nach Sibieren in Arbeitslager verschleppt. So erging es auch dem Vater der einen Autorin. Ein schwieriger Teil litauischer Geschichte der hier einen Platz bekommt.Entstanden ist eine sehr schön illustrierte Geschichte, die trotz der Schwere hoffnungsvoll ist. Eine Geschichte, die zum weiterlesen und weiterdenken anregt. Der 13 jährige Algis wird mit seiner Schwester, Mutter und Tante und einigen Nachbar*innen ebenfalls nach Sibirien gebracht. Harte Arbeit und wenig zu Essen machen ihnen schwer zu schaffen. Hoffnung macht ihnen das Singen, die Apfelkerne, die zu kleinen Pflänzchen hinter dem Ofen gedeihen oder der Ganter Martin, der als Geist ihre Briefe in die alte Heimat schickt. Die Zeichnungen sind wunderschön und laden zum Betrachten und Eintauchen ein. Es ist sehr divers und lebhaft gestaltet. Gute Unterhaltung mit tiefgehendem Inhalt. Auch für Kinder und Jugendliche gut geeignet.

Rezension Nr. 1

Elif Shafak – Ehre,
Kein&Aber, ISBN: 978-3-0369-5932-0
Und dann ist das Buch zu Ende. Es hat zuletzt noch eine Wendung genommen, die so ganz und gar nicht absehbar war. Die letzte Seite ist fertig gelesen und was ist mit den Figuren? Die Personen, die Dich zuletzt begleitet haben – nun geht Dein Alltag ohne sie weiter. Elif Shafak hat es geschafft, ihre Figuren in mein Leben zu platzieren. Beim Busfahren dachte ich darüber nach, wie es Pembe wohl weiter ergeht. Ob es Adem doch noch schafft die Kurve zu kriegen? Der Roman ist mit seinen 525 Seiten nicht gerade dünn und doch ging es schnell einzutauchen und bei der letzten Seite anzukommen. Und darüber traurig zu sein, dass die Geschichte fertig war.  Wie kommt es zu einem sogenannten „Ehrenmord“? Wen bewegt was und aus welchen Gründen zu so einer Handlung? Elif Shafak erzählt eine Familiengeschichte, die genau so passiert sein könnte und wahrscheinlich sehr ähnlich dutzende Male geschehen ist. Die Geschichte wandert mit den Hauptfiguren vom ländlichen Kurdistan nach London. Welcher Teil der eigenen Geschichte kommt mit? Was passiert in Familien, die migrieren?  Es ist ein schöner und tragischer Einblick in eine solche Familie. Eine Familie, die einen Traum hatte und doch zerrissen wurde.  Auf dem Buchrücken steht: ein bewegender Roman über Hoffnung und Verlust, Vertrauen und Verrat, Liebe und Ehre. Viel mehr bleibt nicht zu sagen.


Viel Spass beim Lesen!
Deine Lotte