Rezensionen

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Rezension Nr. 20

Giulia Caminito
Ein Tag wird kommen

Wagenbach – 2020 – ISBN 978-3-8031-3325-0

Ein kleines Dorf in den Marken (Italien) anfangs des 20. Jahrhunderts bildet die Grundlage des Romans „Ein Tag wird kommen“. Der Landstrich war bekannt für Armut und seine mittellose ländliche Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund entspinnt Guilia Caminito die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Brüder, sowie deren Schwester, auf ihrem Weg zu Emanzipation von Familie und gesellschaftlichen Gegebenheiten.
Dabei entspinnt Guilia Caminito die Komplexität jener Zeit mit Anarchie und Revolte, Kriegsgeschehen und Spanischer Grippe und verquickt dies mit allgegenwärtigen Themen sexualisierter und häuslicher Gewalt zu einer packenden Familiengeschichte. Dabei lässt die* Autor*in zahlreiche reale historische Figuren einfliessen wie den Anarchisten Augusto Masetti (1888-1966) oder ihren eigenen Grossvater und Anarchisten Nicola Ugolini.
Besonders hervorgehoben wird im Roman dabei die Geschichte der Schwarzen Äbtissin Zeinab Alif (1845/46 – 1926), welche im Roman von der Figur Suor Clara verkörpert wird, welche gegen die Macht des Klerus aufbegehrt und hohes Ansehen in der Dorfbevölkerung geniesst.

Bei der ganzen Komplexität der Geschichte kommen die Figuren und einzelnen Kapitel wunderbar leichtfüssig daher und der ganze Roman ist einfach super spannend zu lesen.

Rezension Nr. 19

Parrella Valeria
Versprechen kann ich nichts

Hanser – 2021 – ISBN 978 3 446 26919 4

Einen Roman, der in einem Jugendgefängnis spielt, gibt es nicht allzu häufig. Der dazu auch noch angepriesen wird, sich auch kritisch mit dem Thema Knast auseinander zu setzen, noch viel seltener. Deshalb war ich schnell überzeugt, das Buch zu lesen. 

Erzählt wird die Geschichte einer Lehrerin, die in einem Jugendgefängnis in Süditalien arbeitet. Dabei bahnt sich eine freundschaftliche Beziehung zu einer jungen Frau an, die zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Die Realitäten und Geschichten der beiden Frauen sind dabei wie aus verschiedenen Welten. Dies spiegelt sich nicht nur im Zynismus der Lehrerin im Kontrast zur Offenheit der jungen Frau wider. Die Annäherung der beiden ist dabei wunderschön erzählt, in einer Sprache, die so zauberhaft ist, dass ich mir während des Lesens vorgenommen habe, extra langsam zu lesen, um etwas länger die nur 136 Seiten geniessen zu können.
Und doch habe ich es an einem Nachmittag gelesen, die letzten 20 Seiten für den nächsten Tag aufgespart- mit grosser Vorfreude.
Es lohnt sich wirklich, dieses Buch langsam zu lesen und Valeria Parellas Sprache Raum zu lassen. Immer wieder schafft sie es wunderbar poetische Sätze zu bilden, ohne dabei kitschig zu werden.

Ein paar kleine Stiche blieben jedoch zurück- so ist der Zynismus der Lehrerin manchmal sehr plakativ und bezieht sich auf gesellschaftliche Klischees in Form von Fatshaming, Rollenbildern, Vorurteilen wer überhaupt in Knästen landet und das Benutzen von antiziganistischen Wörtern, die mir schwer aufgestossen sind. Auch die in der Buchempfehlung beschriebene Knastkritik, fiel für meinen Geschmack eher dünn aus. Trotzdem drückt da immer wieder Kritik am Justizsystem, an Knästen und der kapitalistischen Gesellschaft durch. Die ist zuweilen jedoch sehr subtil, so dass sie von unaufmerksamen Lesenden auch leicht überlesen werden kann.

Also doch nicht zu empfehlen? 
Nach diesen Abzügen bleibt es nach wie vor ein gutes Buch. Es ist wichtig, solche Geschichten zu erzählen, die Teil unserer Gesellschaft sind, aber stets unsichtbar, da hinter Gittern, bleiben. Deshalb: Ja! Unbedingt lesen! Und fehlerfreundlich sein, bei den Dingen, die einer*m aufstossen.

Rezension Nr. 18

Alex S. Vitale
The End of Policing

Verso 2018 ISBN 9781784782894 / 9781784782924

Obwohl das Buch auf Englisch erschienen ist, werde ich die Rezension auf Deutsch schreiben. Momentan gibt es noch keine Übersetzung ins Deutsche, das Englisch ist aber gut verständlich.

„Das Problem ist nicht das Polizei Training, Polizei Diversität oder die Methoden. Das Problem ist die dramatische und noch nie dagewesene Expansion und Intensität des „Policing“ der letzten 40 Jahre, ein fundamentaler Wandel der Rolle der Polizei in der Gesellschaft. Das Problem ist „Policing“ an sich.“

Auf dem Cover steht schon beschrieben, womit Alex S. Vitale sich auf 228 Seiten auseinandersetzt. Er gibt dem Thema einen ordentlichen Aufbau, indem er sich einzelnen Teilbereichen des „Policing“ widmet. Die Kapitel sind dabei logisch und immer gleich aufgebaut: Zunächst eine Bestandesaufnahme, oft mit historischem Hintergrund. Darauf folgend die (staatlichen) Reformen. Zuletzt geht er auf Alternativen ein.  So behandelt Vitale Themenbereiche wie Sex Work, Obdachlosigkeit, Gangs, Polizei in Schulen, Nationalgrenzen und einige mehr. Er schafft es gut verständlich sich mit der Kritik des derzeitigen Systems auseinander zu setzen und mögliche Alternativen aufzuzeigen.

Die Schwierigkeit ist stets, wie sehr taucht mensch in ein Thema ein, dass es nicht oberflächlich wird aber auch nicht auf 1000 Seiten endet. Vitale hat diese Gratwanderung sehr gut geschafft. Wer tiefer ins Thema eintauchen möchte kann sich den 30 Seiten Fussnoten und weiteren Literaturempfehlungen widmen.

Vitale lebt in den USA und so liegt der Schwerpunkt des Buches und der Auseinandersetzung auch dort. Hin und wieder tauchen Vergleiche aus anderen Teilen der Welt auf. Einige Kritikpunkte sind auch ausserhalb der USA anwendbar, andere wiederum nicht.

So stellt sich mir die Frage, ob es hier nicht schlauer ist, das Buch „Kritik der Polizei“, herausgegeben von Daniel Loick, zu lesen. Es ist zwar aus Deutschland, damit aber unserem Kulturkreis näher. Oder eben beide. Das Buch ist ein sehr guter Einstieg um sich mit dem Thema Polizeikritik auseinanderzusetzen.

Es lässt sich gut und schnell lesen und bringt dramatische Informationen ans Licht. Also ja, unbedingt lesen und weitererzählen. 

Leider aus aktuellem Anlass:   
27.11.21 Demo in Zürich: Justice for Nzoy! Stop Police Brutality and Racial Profiling, Join the Movement, Exit Racism Now!     

Am 30. August 2021 wurde am Bahnhof von Morges (VD) unser Bruder, Sohn, Cousin, unser geliebter Freund Nzoy durch drei Schüsse aus einer Polizeiwaffe aus dem Leben gerissen. Dieser Todesfall ist ein weiterer in einer ganzen Reihe von Morden aufgrund von menschenverachtender, rassistischer Polizeigewalt.     

Dreimal schoss der Polizist auf ihn, den dritten Schuss gab er ab, als Nzoy taumelnd auf dem Perron zu Boden ging. Nach den Schüssen fesselten ihn die Polizisten mit Handschellen, leerten seine Taschen, liessen ihn liegen. Erste Hilfeleistung leistete ein zufällig vorbeilaufender Krankenpfleger. 
Die Lügen der beteiligten Polizisten konnten nur aufgedeckt werden durch einen Passanten der die Hinrichtung filmte.   

Wir fordern:  

•   Eine lückenlose Aufklärung dieses Falles, von einer unabhängigen Instanz.  

•   Eine Berichterstattung, die strukturellen Rassismus aufdeckt und nicht verschleiert.  

•   Wir fordern eine schweizweite unabhängige Instanz mit weitgehenden Befugnissen, die   Fälle von Polizei- und Behördengewalt und strukturellem Rassismus aufarbeiten und   Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen kann.  

•   Dass Schwarze Menschen, People of Color und auch Menschen mit psychischen   Erkrankungen in der Schweiz bedingungslos überall und auch vor der Polizei sicher und   geschützt sind.  

•   Wir fordern alle notwendigen Massnahmen für ein Ende von Rassismus in der Schweiz.

Rezension Nr. 17

Fang Fang
Weiches Begräbnis

Hoffmann und Campe, 2021, ISBN 978-3-455-01103-6

Eine Geschichte vom individuellen und kollektiven Vergessen – so könnte mensch Fang Fangs Roman „Weiches Begräbnis“ kurz zusammenfassen.
Doch um welches Vergessen geht es hier?
Die*r Autor*in widmet sich in dem Roman einem Kapitel der chinesischen Geschichte, welches aktiv aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurde und wird – der sogenannten „Bodenreform“ von 1949-1952. Dies in Romanform darzustellen schafft Fang Fang sehr eindrücklich anhand der Geschichte einer älteren Frau, die scheinbar aus dem Nichts ins Wachkoma fällt. Dabei versucht der Sohn zu verstehen wieso seine Mutter kurz vorher Dinge äusserte, die ihr als bildungsferne Hausangestellte überhaupt nicht zugänglich sein konnten. Der Plot ist gelegt und Fang Fang zieht eine*n in den Sog des Romans auf der Suche der zwei Protagonist*innen um die verschüttete Existenz, so dass mensch das Buch schwer wieder weglegen kann.

Im Roman erklimmt die Mutter im Zustand des Wachkomas Stück für Stück ihre zeitlebens verdrängte Geschichte und gibt uns – den Leser*innen – einen Einblick in die Vorgänge der chinesischen Bodenreform, die mit äusserster Brutalität durchgesetzt wurde und traumatische Folgen für viele der Überlebenden und Verfolgten hatte und hat. Parallel entwickelt sich der Handlungsstrang des Sohnes auf der Suche nach der Geschichte seiner Mutter, die ihn zu verschütteten Stätten der Bodenreform in der chinesischen Provinz führt und dabei auch zu der Frage wieso Vergessen eine durchaus nachvollziehbare Wahl sein kann.

Die Bedeutung des kollektiven Verdrängungsprozesses und der politischen Brisanz des Romanes wird anhand dessen deutlich, dass der Roman mittlerweile in China nicht mehr erhältlich ist. Wenn auch nicht verboten, so ist er doch als unliebsame Literatur aus den Bücherregalen verdrängt worden. Damit das Vergessen weitergehen kann…

Rezension Nr. 16

NSU-Watch
Aufklären und einmischen – Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess
2020 – Verbrecher Verlag – ISBN: 9783957324221

Als 2011 die Mord- und Anschlagsserie des »Nationalsozia­listischen Untergrunds« NSU aufflog wurde vielen wieder schmerzlich bewusst wie bedrohlich und gefährlich Rechter Terror für alle Menschen ist, die nicht in das rassistische und nationalsozialistische Weltbild der Nazis passen. Die Bilanz des NSU: 10 Morde, 3 Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle in den Jahren 1998 bis 2011.

Die Taten des NSU zeigen deutlich auf, wie wirksam Rechter Terror agiert und wie blind Medien und Gesellschaft, sowie auch eine vermeintlich aufgeklärte Linke, sein kann. Denn es bedurfte erst der Selbstenttarnung des NSU bevor die Morde und Anschläge überhaupt als Rechter Terror identifiziert wurden. Diese Haltung der Ignoranz spiegelt sich auch über den gesamten Prozess im Verhalten des Gerichts, im Auftreten der Bundesanwaltschaft sowie in der (Nicht-)Berichterstattung der Medien wider. Dabei wird die These der Einzeltäter vehement verteidigt und die Rolle der Behörden, vor allem des Verfassungsschutzes, nicht aufgearbeitet.
Um dem etwas entgegenzusetzen formierte sich das Bündnis »NSU-Watch« aus zahlreichen antifaschistischen und antirassistischen Gruppen und Einzelpersonen, die zum Themenkomplex NSU recherchieren und aufklären.
Kernpunkt von »NSU-Watch« bildet dabei die Begleitung und umfangreiche Berichterstattung zum NSU-Prozess am Oberlandesgericht 2013-2018 in München sowie der einzelnen Untersuchungssauschüsse.

Nun hat das Autor*innenkollektiv von NSU-Watch in ihrem Buch „Aufklären und Einmischen“ ein erstes Resümee des NSU-Prozesses gezogen. Das Buch gibt einen gut lesbaren und umfassenden Überblick über das Prozessgeschehen.
Das Buch arbeitet sehr gut die nicht gelingende juristische Aufarbeitung heraus und verdeutlicht, wie die Forderungen der Betroffenen und Nebenkläger*innen nach umfassender Aufklärung nicht gehört wurden. Das Ausblenden der Verfassungsschutzbehörden im Verfahren und die Verurteilung der mitangeklagten Nazis zu lächerlichen Strafen zeigt dabei nicht nur die Blindheit des Gerichtes auf, sondern verdeutlicht auch ganz klar welche Positionen gesellschaftlich gewollt und vertretbar sind.
Deswegen sei dieses Buch allen engagierten Antifaschist*innen und Antirassist*innen ans Herz gelegt.

Kein Schlussstrich!

Als Ergänzung ist der Podcast Saal 101: Das Dokumentarhörspiel zum NSU-PROZESS sehr zu empfehlen.

Rezension Nr. 15

Hengameh Yaghoobifarah
Ministerium der Träume

Blumenbar – 2021 – ISBN 978-3-351-05087-0

Ein fulminanter Roman. Nach dem ersten Viertel hat es mich so reingezogen, dass ich einen ganzen Sonntag lesend auf dem Sofa verbrachte, bis das Buch (leider..) zu Ende war.

Hengameh Yaghoobifarah ist ein sehr spannender, gesellschaftskritischer, zwischendurch sehr trauriger und trotzdem Mut machender Roman gelungen. Nas, die als Türsteher*in in einer queeren Bar in Berlin arbeitet, verliert ihre* Schwester Nushin und kümmert sich fortan um deren pubertäre Tocher.
Nas Mutter sitzt ihr im Nacken, da diese den unkonventionellen Lebensstil von Nas nicht goutiert. Mit den Mitarbeitenden in der Bar gibt es Stress, da Nas durch die Trauer über Nushin und durch die neue Lebenssituation mir ihrer Nichte, bei der Arbeit austickt. Und zusätzlich schwebt über Nas der unglaublich schmerzhafte Verlust ihrer Schwester und der quälende Verdacht, dass Nushins Tod von ihr selbst gewählt war.

Ministerium der Träume ist ein Roman über Wahl- und Zwangsfamilie, über den Zusammenhalt zwischen Geschwistern und zwischen Freund*innen, über Trauma, über Liebe, über das Aufwachsen in einer rassistischen Gesellschaft und über das Leben ausserhalb der Mehrheitsgesellschaft.


Rezension Nr. 14

Inna Barinberg
Mehr ist Mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie

edition assemblage – 2020 – ISBN 978-3-96042-089-7 

Soeben fertig gelesen, vorgestern angefangen und verschlungen. Das Buch von Inna ist ein wunderbar einfach zu lesender Einstieg in das Thema Polyamorie. Dabei beleuchtet Inna als non- binäre, queere Person unterschiedliche Aspekte der Polyamorie wie Abmachungen, Eifersucht, Kind, mental health und viele andere. Durch die knapp 140 Seiten bin ich förmlich geflogen.

Es liest sich flüssig und ist ein schöner Einblick in ein Phänomen, das auch in linken Kreisen wenig praktisch gelebt wird. Es ist empowernd zu lesen, dass es bei anderen Menschen gut funktioniert und dabei Erfahrungen vermittelt zu bekommen, was in deren Fall gut und was weniger gut funktioniert hat. Das heisst nicht, dass es bei einer*m selbst dann auch so klappt. Aber es ist schon einmal ein Anhaltspunkt und eine Idee, was möglich sein könnte. Am Ende muss jede*r für sich selbst entscheiden, was sich richtig anfühlt und was die Ansprüche an das eigene Beziehungsmodell sind. 

Für mich als Person, die seit Jahren offene Beziehungsmodelle praktiziert, darin aber ein Shift stattfindet, war es eine grosse Hilfe, andere Möglichkeiten zu denken. Die eigenen Erfahrungen wiederzufinden und Wege aufgezeigt zu bekommen, wie mensch mit bestimmten Schwierigkeiten umgehen kann. Und doch denke ich, dass das Buch wohl auch gut ist für Menschen, die ein monogames Beziehungsmodell leben, sich einfach weiterbilden wollen oder an einer Veränderung interessiert sind.

Inna beantwortet die Fragen, die zunächst auftauchen- wie geht es organisatorisch, wie kann ich mit meiner Eifersucht umgehen und was ist der Unterschied zwischen einer offenen Beziehung und polyamourösen Beziehungen?
Es bleibt ein Erfahrungsbericht und recht an der Oberfläche, sonst hätte es nicht auf die 140 Seiten gepasst. Es ist jedoch ein wunderbarer Einblick in eine diverse Realität, der Spass und Lust macht, sich damit auseinanderzusetzen.
Danke Inna für dieses Buch, es hat mir gerade sehr geholfen meine derzeitige Situation mit ein bisschen Ruhe und weniger Aufregung zu betrachten. Möge es auch anderen zu einer passenderen Beziehungsform helfen. Viel Spass beim Lesen!

***

Zuerst dachte ich, ok, wieder mal ein Buch über Polyamorie. Wahrscheinlich will mir di*er Autor*in wieder mal weis machen, dass es gar nicht schwierig ist. Dass die Eifersucht unnötig ist und überwunden werden muss. Wahrscheinlich wieder mal ein Buch das beschreibt, wie einfach es ist, durch Polyamorie zum persönlichen „and they lived happily ever after“ zu finden.

Doch Inna Barinbergs Buch „Mehr ist Mehr“ ist anders. Zuerst ein bisschen oberflächlich, erzählt Inna in späteren Kapiteln sehr offen und ehrlich von Innas eigenen Erfahrungen mit Polyamorie. Davon, dass es manchmal unglaublich schwierig ist. Und schmerzt. Und die Eifersucht einem manchmal auch nach Jahren noch umhauen kann. Und dass es trotzdem wunderschön und bereichernd sein kann, mehrere Menschen gleichzeitig zu begehren und/oder zu lieben.

„Mehr ist mehr“ ist mit knapp 140 Seiten kein dicker Wälzer und ist durch den persönlichen Erzählstil Innas einfach zu lesen. In den verschiedenen Kapitel beleuchtet das Buch unter anderem die Themen Kommunikation, Zeitmanagement, Eifersucht, Kinder bekommen im Polykül und psychische Gesundheit. „Mehr ist mehr“ gibt Einblicke in ein Polykül, ohne den Anspruch zu haben, die allgemeine Wahrheit über Polyamorie zu vermitteln. Ein sehr lesenswertes Buch, sowohl für Menschen mit und ohne Polyamorie Erfahrung.

Mir hat das Buch sehr gut getan. Vor allem die undogmatische Art Innas und die Ehrlichkeit auch über eigene Schwierigkeiten zu schreiben, habe ich sehr geschätzt. Ich empfand ich es als sehr positives Buch, das auch Mut macht, immer wieder in Auseinandersetzung zu gehen (auch und vor allem mit sich selbst). 

Rezension Nr. 13

hafsa zayyan
we are all birds of uganda

#Merky Books – 2021 – ISBN 978 1 529 11865 0

Das Buch ist gerade auf English erschienen und auch in dieser Sprache in der Lotte erhältlich. Ich schreibe die Rezension trotzdem auf Deutsch.

In diesem Debutroman von hafsa zayyan begleiten wir zwei Generationen einer Familie durch turbulente Zeiten. Der Roman ist in unterschiedlichen Dekaden und auf verschiedenen Kontinenten zuhause – und springt, mithilfe von verschiedenen Erzählformen, zwischen diesen Realitäten.
Erzählt wird die Geschichte der Familie Saeed mit den Schwerpunkten bei Hasan und seinem Enkel Sameer. Im Laufe des Buches wird mehr und mehr verständlich, wie diese beiden Geschichten zusammenhängen und was die beiden, ausser ihrer Familienbande, verbindet. Und was sie doch auch trennt.
Der Roman nimmt eine*n recht schnell in Bann und es fiel mir schon kurz nach Beginn des Lesens schwer, das Buch zur Seite zu legen. Wenn Romanfiguren mich in meinem reellen Leben begleiten und ich mir Gedanken mache, was wohl als nächstes passiert, dann hat es mich gepackt. Dies war auch bei diesem Roman der Fall. Dabei handelt es sich gar nicht um eine besonders actionreiche Geschichte, nein, es ist die Tiefe der Geschichte, die mich hineingezogen hat.
Der Roman behandelt einen Teil der Weltgeschichte, von dem ich noch nie gehört hatte: von „Asian Africans“ in Uganda, die während der Kolonialzeit von Indien nach Uganda ausgewandert waren. Im Rahmen der Befreiungskämpfe vom Kolonialismus kam es in den frühen 1970er Jahren zu regelrechten Säuberungen der „Asians“ in Uganda, obwohl diese schon mehrere Generationen dort gelebt hatten. Viele von ihnen wurden staatenlos oder mussten z.B. nach Britannien fliehen, wenn sie noch einen Pass von dort hatten. Erst in den späten 1980er Jahren gab es einen Wandel in der Politik, als wieder vermehrt „Asian Africans“ angeworben wurden, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Romans und der Geschichte ist der Rassismus gegen die Schwarze Bevölkerung in Uganda aus der Community der „Asians Africans“.
Das Buch gibt einen guten Einblick in diesen Teil der Weltgeschichte und empfiehlt auf mehreren Seiten am Ende weitere Literatur zum Thema.
hafsa zayyan schafft es, einen schweren und schwierigen Teil der Menschheitsgeschichte in einen wirklich unterhaltsamen und lehrreichen Roman zu packen. Dazu ist es auch einfach ein sehr schönes Buch mit einer zauberhaften Haptik 😉
Absolut empfehlenswert!

Rezension Nr. 12

Kübra Gümüşay
Sprache und Sein

Hanser Verlag – 2020 – ISBN 978-3-446-26595-0

Dieses Buch ist Liebe (platter Satz, aber so fühlt es sich für mich an!). Danke Kübra Gümüşay, dass Sie diese Worte niedergeschrieben, dieses Buch und die Inhalte so wunderbar formuliert haben. Ich bin sprachlos.

«Wie können wir als Gesellschaft über unsere Probleme sprechen, ohne den Hass der Rechten zu nähren- respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern? Wie können wir frei sprechen?» 

Dies ist die Ankündigung, die auf der Rückseite des Buches zu lesen ist. Gümüşay widmet sich in 10 Kapiteln einzelnen Aspekten der Sprache, Analysen, Strategien der «Rechten» und dem Blick nach vorn. Dabei ist es so gut lesbar wie ein unterhaltsamer Sommerabendroman. Ich bin förmlich durch die nicht ganz 200 Seiten geflogen.

Was für ein tolles Buch, das eine so gute Gesellschaftsanalyse ist, dass ich es jeder*m zum Lesen in die Hand drücken möchte. Ja, das Buch wurde sehr gehypt- don`t trust the hype. Aber in diesem Fall – unbedingt dem Hype trauen! Es lohnt sich. Gümüşay schafft es, die schwierige Materie so gut und hoffnungsvoll zu analysieren und wiederzugeben, dass mir das Herz aufging beim Lesen.

«Denn für ein wirklich gemeinsames Nachdenken über unsere gemeinsame Zukunft braucht es vor allem das: Wohlwollen zwischen Menschen, die sich prinzipiell den gleichen Werten verschrieben haben. Kritisches Denken bedeutet nicht, sich über die Kritisierten zu erheben. Wer wohlwollend kritisiert, der öffnet seinem Gegenüber eine Tür, durch die er auf einen zugehen kann»

Unbedingt lesen, es ist eine grosse Freude!

***

Wie können wir als Gesellschaft über unsere Probleme sprechen, ohne den Hass der Rechten zu nähren – respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern? 

Dieser Frage geht Kübra Gümüşay in ihrem Buch „Sprache und Sein“ nach. Sie schreibt von ihren persönlichen Erfahrungen in vier verschiedenen Sprachen zuhause zu sein und wie es sich anfühlt, wenn ein bestimmtes Wort nicht übersetzt werden kann, da es keine treffende Bezeichnung in der anderen Sprache gibt.

Sie beschreibt wer in der Gesellschaft die Benannten sind und wer die Macht hat eben diese zu benennen, wie sich das auf das Individuum und somit wieder auf die ganze Gesellschaft auswirkt. Gümüsay ruft dazu auf, als Angehörige*r einer Minderheit so zu sprechen als wäre mensch in der Mehrheit, aufzuhören ständig sich selber zu erklären, aufzuhören das Gefühl zu haben für die ganze Gemeinschaft der jeweiligen Minderheit sprechen zu müssen und anzufangen frei zu sprechen.

„Sprache und Sein“ ist gut zugänglich geschrieben, unterhaltsam und voller spannender Gedankengänge der Autorin. Obwohl ein Sachbuch, schafft es die Autorin durch ihre Sprache und die vielen persönlichen Beispiele, auch nicht eine Zeile lang das Gefühl von trockener, staubiger Theorie aufkommen zu lassen. Wirklich sehr empfehlenswert.

Rezension Nr. 11


Ronya Othmann
Die Sommer
ISBN: 978-3-446-26760-2 | 2. Auflage 2020 | Hanser Verlag

Der* Autor*in ist ein sehr beeindruckendes Buch gelungen. In seiner Sprache schafft der Roman es, eintauchen in das Lebensgefühl eines Menschen der zerrissen ist zwischen Lebenswelten in Europa und der Heimat des Vaters in den kurdischen Gebieten von Syrien, in die die Protagonist*in jeden Sommer in ihrer Kindheit reist. In das Dorf der Grossmutter, mit all den Sehnsuchtsorten, -gefühlen und -menschen, sowie der Geschichte von Unterdrückung und Vertreibung der êzîdîschen Bevölkerung, zu denen sich die Protagonist*in nie richtig zugehörig gefühlt hat – oder eben gerade doch. In ihrer* klaren und gleichzeitig sehr bildhaften Sprache schafft es die* Autor*in die Leser*innen in den Bann zu ziehen, auf dem Weg der Protagonist*in von den Sommeraufenthalten als Kind, dem Aufbruch in der Jugend und dem Infragestellen von Zugehörigkeiten. So gut nachvollziehbar wird das pubertäre Empfinden der Protagonist*in in der deutschen Provinz mit ihrem* Versuch der Distanzierung von ihrer* êzîdîschen Herkunft mit der sie ständig durch den Vater, der stundenlang das kurdische Fernsehen verfolgt, konfrontiert wird. Und gleichsam folgt ein Aufatmen mit der weiteren Entwicklung der Protagonist*in, welches durch die Geschehnisse im syrischen Bürgerkrieg ausgelöst wird und dem sich die Protagonst*in nicht weiter entziehen kann, da es sie unmittelbar berührt. Nicht mehr nachvollziehbar wird das Desinteresse ihrer deutschen Freund*innen und immer mehr entzieht sich ihr* Zugehörigkeitsgefühl zu dem von haltlosen Belangen geprägten Leben ihres Freund*innenkreises mit den daraus folgenden notwendigen und im Roman so eindrücklich erschlossenen Konsequenzen. Der* Autor*in ist zweifellos ein sehr grosser Wurf gelungen und ich wünsche mir dass alle Menschen in der europäischen Komfortzonen diesen Roman lesen!

Noch eine Anmerkung zum Buch ‚Die Sommer‘ von Ronya Othmann. Leider ist unser Exemplar aus der Lotte verschwunden.. Falls Du es ausgeliehen hast, bringe es doch bitte zurück oder schreibe eine Mail an hallo@lotte-bibliohtek.org, damit wir Dich in die Ausleihliste eintragen können. Merci!

Rezension Nr. 10

Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, Elke Rajal.
Arbeitsscheu und moralisch verkommen. Verfolgung von Frauen als „Asoziale“ im Nationalssozialismus.

ISBN: 978-3-85476-596-7 | 2019 | mandelbaum Verlag | 377 Seiten


Sogenannte „soziale Randgruppen“ sind immer wieder und aktuell wieder verstärkt im Fokus rechts-/liberaler Politik und Meinungsbildung.
Dem entgegen ist das Buch ein bereichernder Beitrag der Bewusst-Werdung und Bewusst-Erhaltung wie Ausgrenzung und Marginalisierung im Sozial- und Gesundheitssystem zu gravierenden Auswirkungen für die als „asozial“ gelabelten Menschen führt.
Dafür schafft das Buch einen detaillierten und gut verständlichen Einblick in das brutale und mörderische System vor, zu und nach NS-Zeiten anhand der Vefolgung von Frauen, die als „asozial“ gelabelt wurden. Anhand der Verflechtungen von stereotypen und pauschalisierenden Verurteilungen, die sich an konstruierten Gesellschaftsvorstellungen und -normen orientieren, zeigen die* Autor*innen deutlich wie daraus jahrzehntelange Institutionalisierung mit Freiheitsentzug, Folter und zwangsmedizinischen Massnahmen entstehen kann die mit Deportation und Mord enden kann, bzw. sich über die NS-Zeit für die betroffenen Menschen fortschreiben kann.
Dass diese Geschichte nicht überwunden ist wird anhand aktueller Entwicklungen deutlich. Von daher ist es lohnenswert das Buch zur Hand zu nehmen und für gesellschaftliche Zustände der Ausgrenzung und Pathologisierung wachsam zu bleiben. Für alle interessierten Leser*innen ist es wichtig zu wissen, dass das Buch ganz klar aus der Forschung und Wissenschaft heraus geschrieben ist, d.h. es liest sich nicht einfach so weg, bietet aber wichtige Zeitzeug*innenbezüge und schafft dadurch einen sehr wichtigen Beitrag.

Rezension(en) Nr. 9

Diese Woche bekommst Du gleich drei Rezensionen. Ein Buch – drei verschiedene Stimmen dazu. Um Dir danach auch selber eine Meinung zu bilden, komm in der Lotte vorbei und leih es aus.

mawil. Kinderland – Eine Kindheit im Schatten der Mauer.
reprodukt 2014 ISBN 978-3-943143-90-4

Ein Comic, das den Alltag von Mirco erzählt. Eine Kindheit (oder fast schon Jugend?) in Berlin- dem Ostteil der Stadt- im Jahre 1989. Völlig unaufgeregt ist es eine Innenansicht der DDR, der pyramidenförmigen Milchtüten, der FDJ- Hemden und Pioniershalstüchern. Es geht um die wöchentlichen Sirenen, um die Kirche und um PingPong, immer wieder PingPong. Es ist eine Alltagsgeschichte, die erfrischend leicht ist und eine*n immer wieder zum Schmunzeln bringt. Dabei ist der Zeichenstil von mawil bunt und unterhaltsam und lädt zum genauen Hinschauen ein. Und „Mürgo“ ist einfach wunderschön gezeichnet!Es ist ein unterhaltsames Buch für junge (und auch ältere) Menschen, die einen kleinen Einblick ins Leben eines Jungen aus der DDR werfen wollen. Das angehängte kleine DDR- Glossar hilft bestimmte Dinge aus dem Comic zu verstehen. Oder hättest Du gewusst was „die Firma“ ist?
***
Ostberlin im Sommer 1989: Der 7. Klässler Mirco Watzke muss sich mit allerlei Problemen rumschlagen. Die kleine Schwester nervt, aufgrund einer Strassenumleitung kommt er zu spät zur Schule, die älteren Mitschüler ärgern ihn und beim Pingpong Rundlauf fliegt er immer als erster raus. Zum Glück ist da der Neue aus der Parallelklasse, mit dem sich Mirco nach und nach anfreundet und zusammen erleben sie so einiges.Der Comic, der in den letzten Tagen der DDR spielt, dreht sich oft um Pingpong-Turniere auf dem Schulhausplatz. Auf den ersten Blick könnte die Geschichte an einem x-beliebigen Ort spielen. Doch immer wieder, fast beiläufig, sind da Hinweise auf die DDR und ihr nahendes Ende. Seien es die Eltern, die sich abends tuschelnd über „Auswanderungen“ unterhalten oder die Pionierleiterin Frau Krantz, die heimlich westdeutsche Magazine liest. Im Glossar hinten im Buch sind die diversen DDR Begriffe einfach und verständlich erklärt.
Kinderland ist eine gelungene „coming-of-age“ Geschichte, liest sich sehr leicht und eignet sich gut für einen Nachmittag auf dem Sofa. Der Comic ist auch als Lektüre für Jugendliche geeignet. 
***
Ich als ostdeutsch sozialisierte Person konnte beim Lesen des Comics wieder eintauchen in das Lebensgefühl meiner DDR-Jahre mit all ihren Realitäten, Absurditäten, Trivialitäten und Dramatiken. Mawil ist in dem Comic in Form einer Coming-of-age-Story ein wunderbar vielschichtiges Abbild des Lebensgefühls der damaligen Zeit gelungen. Zwänge und Ausbruch in Jugend zwischen Freiheitssuche und -unterdrückung – Ping Pong und Fahnenapell, Völkerball und Mangelwarendealerei, Westfernsehen und Altpapiersammlung. Dabei musste ich sehr oft lachen, da Mawil einfach einen super-charmant-trockenen Humor hat – beim Schreiben wie Zeichnen.Und für alle nicht-„Ossis“ gibt’s ein super bebildertes Glossar im Anhang das alle Unklarheiten beseitigt.

Rezension Nr. 8

Michel Raab, Cornelia Schadler (Hrsg.). Polyfantastisch? Nichtmonogamie als emanzipatorische Praxis.

ISBN 978-3-89771-282-9 | 2020 | Unrast Verlag | 224 Seiten. 


Der Band gibt einen umfassenden Einblick in den aktuellen Diskussionsstand um Polyamory und Nichtmonogamie.

Dabei geht es den Herausgeber*innen nicht um ein objektives von außen Beschreibendes sondern vor allem um eine Innenperspektive. Dementsprechend kommen vor allem persönliche Erfahrungen zu Wort und verknüpfen sich mit theoretischen Überlegungen.

Durch diese Herangehensweise bildet sich die Vielschichtigkeit des Themas prägnant ab. Dadurch leistet der Band einerseits einen sehr guten Debattenbeitrag für nichtmonogam lebende wie interessierte Menschen und offeriert andererseits vielfältige Eindrücke und wichtigen Facetten der Thematik für alle denen das Thema bisher fern war.

Das Buch lädt dazu ein stereotype Vorstellungen von Nichtmonogamie sowie eine scheinbare zwangsläufige emanzipatorische Praxis kritisch zu hinterfragen.

Rezension Nr. 7

Noah Sow. Die schwarze Madonna. Afrodeutscher Heimatkrimi.
Selbstverlag – 2019 – ISBN 9783749478194

Wow, wie geil ist das denn! Die Autorin Noah Sow thematisiert in dem Buch „Die schwarze Madonna“ strukturellen Rassimus in der Gesellschaft, Fremdenfeindlichkeit, Black Empowerment, white fragility, korrupte Vetternwirtschaft in der Politik und Kirche, Alltagsrassimus, transkulturelle Adoption und  dies alles in einen spannenden Krimi gepackt!

Die Hauptprotagonistin, die Hamburger Kaufhausdetektivin Fatou Fall, fährt mit ihrer elfjährigen Tochter Yesim in die katholische Wallfahrtsstadt Altötting in Oberbayern. Das Mädchen soll dort „ihre anderen Roots“ kennenlernen. Als sie die Kapelle der Schwarzen Madonna besuchen, werden sie Zeuginnen eines Vandalismus mit islamistischen Parolen. In der angespannten Stimmung des Regionalwahlkampfs macht sich zunehmend fremdenfeindliche Stimmung breit. Doch Fatou glaubt nicht daran, dass die Täter Fremde waren. Sie folgt ihrer Intuition und beschließt, den Vorfall aufzudecken…
Dieser afrodeutsche Heimatkrimi ist eine grosse Bereicherung für die deutsche Krimilandschaft. Für Noah Sow ist „der herkömmliche europäische Krimi durchweg Fantasyliteratur. Er ignoriert oder vereinfacht karikaturhaft gesellschaftliche Differenzen und deren sehr reale Auswirkungen auf Millionen sehr reale Leben.“
Erzählt aus der Sicht einer Schwarzen Frau werden in „Die schwarze Madonna“ Schwarze Charaktere nicht in rassistischen Stereotypen repräsentiert und kontern schlagfertig typische, alltagsrassistische Situationen. Sow schreibt zu ihrer Motivation das zu Buch zu schreiben: „Ich wollte einmal ein ‚leichtes‛ Buch aufschlagen, das in meinem eigenen Kulturkreis spielt, und in dem ich nicht befürchten muss, als finstere Bedrohung, hungrig, hauptberuflich hilflos oder exotisches Sexobjekt repräsentiert zu werden.“
Dies ist ihr meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Leicht ohne doof zu sein, kritisch aber nicht polemisch, humorvoll und bis zum Ende spannend – als Urlaubkrimi sehr zu empfehlen.

Auch lesenswert: Auf ihrer Webseite gibt Noah Sow Einblick darüber, wie es ihr mit der Vorlage für das Buch bei der Verlagssuche ergangen war und wie rassistisch sich die Agenturen ihr gegenüber verhalten haben.https://www.noahsow.de/blog/meine-neue-buchveroeffentlichung-afrodeutscher-heimatkrimi-die-schwarze-madonna-detektivin-fatou-ermittelt-in-bayern/

Rezension Nr. 6

Dorothee Elmiger – Aus der Zuckerfabrik
Hanser – 2­020 – ISBN 978-3-446-26750-3

Wie schön kann ein Satz sein. Wie gross die Freude über die Aneinanderreihung von bestimmten Wörtern.

Bei diesem Buch von Dorothee Elmiger war es mal wieder so, dass ich dachte: JA!!! Wie gut!!!
Das Buch, ist es ein Roman? Ein Manuskript? Autobiographie oder Fiktion? Sicher eine Recherche, wie es auf der Buchrückseite zu lesen ist. Es sind aber auch viele Assoziationen, Gedankensprünge und Sprünge durch Raum und Zeit. Zunächst gewöhnungsbedürftig, jedoch nicht im negativen Sinne. Einfach wirklich ungewohnt, so zu lesen. Der Beginn eines Eintauchens in Themen wie Kolonialismus, Spielsucht, Ekstase, Zucker. Wer will ist eingeladen noch viel weiter zu gehen, in die Tiefe. Auf ca. 5 Seiten gibt es im Anschluss an die Lektüre die Herkunftsnachweise, aus denen zitiert wird. Mehrere hundert Jahre Menschheitsgeschichte finden ihren Platz auf 265 Seiten. Eine Einladung ans Weiterdenken und sprachlich wie inhaltlich in die Zukunft gehen.

Eine Freude dieses Buch. Das Lust auf mehr macht.

Rezension Nr. 5

MAX CZOLLEK – Desintegriert euch!
btb – ISBN: 978-3-446-26027-6 978


Die Streitschrift richtet sich gegen die allseits der Gesellschaft geforderte Integration in die Mehrheitsgesellschaft und zwar all jener Menschen die bewußt aus dieser Dominanzkultur ausgeschlossen werden. Die*der Autor*in fokussiert dabei auf die Erfahrungen und Anforderungen die an jüdische Menschen gestellt werden. Sei ein „guter deutscher Jude“ und gib immer brav Auskunft über den Holocaust und sei dankbar wieder ein jüdisches Leben in Deutschland führen zu dürfen. Aber mache sicher keine Witze über den Holocaust und habe keine Rachegelüste, sondern füge dich demütig ein an das deutsche Gedächtnis- und Integrationstheater um die eitle deutsche Volksseele zu umarmen. Mit viel Sarkasmus, Wut und Witz bringt Max Czolllek die Integrationsanforderungen auf den Punkt entlarvt diese in ihrer Eindimensionalität als Wundsalbe des deutschen Nationalismus. Max Czollek wirft so dem ewigen Integrationsgedöns den Fehdehandschuh in die scheinheilige Fratze. Absolut lesenswert!

Rezension Nr. 4


Kaśka Bryla – Roter Affe
Residenz Verlag, ISBN: 978-3-7017-1732-3

Was für ein fulminantes Romandebüt. Ich habe wirklich seit langem nicht mehr so schnell ein Buch gelesen. Wer auf Spannung, Action und Atemlosigkeit steht hat mit diesem Buch einen guten Griff gemacht. Ist das sonst nicht das Genre was mich anspricht weil es sich oft eindimensional und stereotyp von den Figuren wie Handlungen her liest hat die* Autor*in hier sehr fein seziert und zusammengesetzt.  Die Story berührt diverse Facetten, so divers wie das Leben ist – von Freund*innenschaft, Pathologisierung, sexualisierter Gewalt, Migration, Macht und einiges mehr ist vieles im inhaltlichen Fokus ohne dass die Story überladen wirkt. Ebenso ist es mit den Protagonist*innen, welche alle sehr vielschichtig und nicht widerspruchsfrei sind. Dabei bedient die* Autor*in keine Klischees, sondern schreibt sehr reflektiert und mit kritischem Anspruch. Die Schauplätze führen uns über Vororte Wiens, Autobahnrastätten und polnischer Provinz zu Abgründen menschlichen Daseins und tiefer traumatischer Erfahrungen und Selbstaufgabe, aber auch zu Selbstermächtigung, Zusammenhalt und Solidarität. Spannend, spannend, spannend!

Rezension Nr. 3

Jennifer C. Nash – black feminism reimagined . after intersectionality
Duke University Press – ISBN: 978-1-4780-0059-4

Intersectionality, the concept of the intersection between race, gender and class has its origin in black feminism, and is by now not only a widely accepted term for diversity discourse far beyond black feminism, but became like a hurdle to pass to count as a „good“ feminism. Jennifer Nash (black feminist and Associate Professor of African American/ Gender/ Sexuality Studies at Northwestern University) shows in her book that despite the promising rise of this concept – to look out for the pitfalls of its dominance: how „intersectionality“, instead of opening a field to an enriching discourse on the complexity of reality for black women – became like a disciplining tool for black feminists to correct other feminisms or corporate diversity programs about the concepts use, origin/“property“, integration – an attitude that traps black feminist analytics in a defensive position and hinders their academic and creative agency. Jennifer Nash encourages to surrender the rigid shackles of this concept and suggests an opening of the space to a more vulnerable embracing and letting in of the realities of each other.This book helped me deepen the understanding of the academic field of black feminism, black womens experience within academy in the US and various not so innocent appropriations of „intersectionality“. It touched me with a hunch of the potential of a more vulnerable encounter with black women and others within feminism and political circles.

Rezension Nr. 2

Jurga Vilè und Lina Itagaki – Sibiro Heiku . eine Graphic Novel aus Sibirien
Baobab Books, ISBN 978-3-907277-03-4
Litauen, dieses kleine Land an der Ostsee, in den 40er Jahren Spielball der grossen Mächte um sie herum. Viele Menschen wurden von dort nach Sibieren in Arbeitslager verschleppt. So erging es auch dem Vater der einen Autorin. Ein schwieriger Teil litauischer Geschichte der hier einen Platz bekommt.Entstanden ist eine sehr schön illustrierte Geschichte, die trotz der Schwere hoffnungsvoll ist. Eine Geschichte, die zum weiterlesen und weiterdenken anregt. Der 13 jährige Algis wird mit seiner Schwester, Mutter und Tante und einigen Nachbar*innen ebenfalls nach Sibirien gebracht. Harte Arbeit und wenig zu Essen machen ihnen schwer zu schaffen. Hoffnung macht ihnen das Singen, die Apfelkerne, die zu kleinen Pflänzchen hinter dem Ofen gedeihen oder der Ganter Martin, der als Geist ihre Briefe in die alte Heimat schickt. Die Zeichnungen sind wunderschön und laden zum Betrachten und Eintauchen ein. Es ist sehr divers und lebhaft gestaltet. Gute Unterhaltung mit tiefgehendem Inhalt. Auch für Kinder und Jugendliche gut geeignet.

Rezension Nr. 1

Elif Shafak – Ehre,
Kein&Aber, ISBN: 978-3-0369-5932-0
Und dann ist das Buch zu Ende. Es hat zuletzt noch eine Wendung genommen, die so ganz und gar nicht absehbar war. Die letzte Seite ist fertig gelesen und was ist mit den Figuren? Die Personen, die Dich zuletzt begleitet haben – nun geht Dein Alltag ohne sie weiter. Elif Shafak hat es geschafft, ihre Figuren in mein Leben zu platzieren. Beim Busfahren dachte ich darüber nach, wie es Pembe wohl weiter ergeht. Ob es Adem doch noch schafft die Kurve zu kriegen? Der Roman ist mit seinen 525 Seiten nicht gerade dünn und doch ging es schnell einzutauchen und bei der letzten Seite anzukommen. Und darüber traurig zu sein, dass die Geschichte fertig war.  Wie kommt es zu einem sogenannten „Ehrenmord“? Wen bewegt was und aus welchen Gründen zu so einer Handlung? Elif Shafak erzählt eine Familiengeschichte, die genau so passiert sein könnte und wahrscheinlich sehr ähnlich dutzende Male geschehen ist. Die Geschichte wandert mit den Hauptfiguren vom ländlichen Kurdistan nach London. Welcher Teil der eigenen Geschichte kommt mit? Was passiert in Familien, die migrieren?  Es ist ein schöner und tragischer Einblick in eine solche Familie. Eine Familie, die einen Traum hatte und doch zerrissen wurde.  Auf dem Buchrücken steht: ein bewegender Roman über Hoffnung und Verlust, Vertrauen und Verrat, Liebe und Ehre. Viel mehr bleibt nicht zu sagen.


Viel Spass beim Lesen!
Deine Lotte

Hey Welt, was geht?

Sind ja schon merkwürdige Zeiten gerade. Abstand halten hier und Maske tragen da; sich real treffen, nein eher nicht und wenn dann, wo überhaupt? Die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Gepflogenheiten werden neu gemischt und kein Ende in Sicht. Das aktiv gelebte Desinteresse an den weltweiten Zusammenhängen hat es in unserer Wohlstandsgesellschaft zur Zeit nicht leicht, jetzt sind wir hier selbst betroffen und müssen uns einschränken, das geht ja gar nicht. Viel Spielraum für Verschwörungsmythen. Das Wort Solidarität scheint zwar wieder mehr Bedeutung in der breiten Bevölkerung bekommen zu haben, wobei ihre direkten Gegenspieler ihr versuchen den Platz streitig zu machen – der Egoismus und die Ignoranz. Pathos mag dem Populismus nichts entgegenzuhalten, dies ist jedoch auch kein politisches Manifest oder eine wissenschaftliche Abhandlung, nein, dies ist schlicht eine Ankündigung.
Raus aus der Bubble, rein in den selbstkritischen Blick über den eigenen Tellerrand und hin zu einem gemeinsamen Miteinandner. Kritische Betrachtung, differenzierte Perspektiven und progressive Utopien, nicht zuletzt dafür steht die kämpferische Bibliothek Lotte mit ihren Ideen und Plänen.
Wann, wenn nicht jetzt, ist die beste Zeit, sich wieder mehr dem geschriebenen Wort zu widmen? Doch welches Thema drängt am ehesten, welches Buch bringt einen Themenkomplex am besten auf den Punkt, welche Lyrik schafft es mich aus der Tristesse zu holen, welche Poesie stichelt meine Ideen an oder welche Biographie erschüttert mich und gibt meinem kämpferischen Willen neuen Schub? Schwierig sich in dem Potpourri an Lektüren zurecht zu finden. Doch wir wären nicht die Lotte, wenn wir da nicht Abhilfe schaffen könnten. DIE REZENSION. Keine Neuerfindung, aber ein probates Mittel, um seinen ausgewählten Lesestoff in die gewünschten Bahnen zu lenken.
Wir werden ab sofort in regelmässigen Abständen auf dem Backbord Mailverteiler und auf unserer Homepage ein von uns erkorenes Buch rezensieren und versuchen, Dein Interesse zu wecken. Also los gehts, unsere neue Rubrik:

DIE REZENSION.